Diversity  im Unternehmen? Das hört man oft in letzter Zeit. Wie das eBay konkret aussieht, erzählt Carlos Sainz im Interview. 

Nur noch wenige Tages sind es bis zur #UNIT, dem größten LGBTI Tech-Festival Europas in Berlin. Im Rahmen der Medienpartnerschaft mit NEW-D sprechen wir heute mit einem der Redner. Carlos Sainz, Head of Global Marketing Planning EU, leitetet die deutsche LGBT Gruppe bei eBay und ist überzeugt davon, dass Diversity einen wesentlichen Beitrag für den Erfolg im Unternehmen leistet.

Herr Sainz, seit über 10 Jahren sind Sie bei eBay in den verschiedensten Positionen aktiv. Was hält Sie so lange in einem Unternehmen einer Branche, in der man gerne auch mal wechselt?

Für mich war eBay als Arbeitgeber immer eine gute Adresse. Während der letzten 12 Jahre habe ich die Rollen, die Standorte und die Bereiche oft gewechselt, so dass es sich anfühlt als ob ich für fünf verschiedene Unternehmen gearbeitet habe. Das Unternehmen hat mir viele Möglichkeiten geboten, mich zu verändern und zu entwickeln.

Zuerst waren es aufregende Jahre des E-Commerce-Wachstums in Spanien und Italien, wo ich für die Bereiche Trust und Kundenservice zuständig war, dann unter anderem eine europäische Aufgabe, in der ich die Kundenservice-Strategie für Europa verantwortete. Ich hatte immer eine große Begeisterung für Asien und habe mich sehr darüber gefreut, dass mir dort ein Job in Bereich Operations angeboten wurde – große Vielfalt und unterschiedliche Kulturen. Und sehr leckeres Essen. Und jetzt leite ich unsere europäische Marketingplanung aus Berlin heraus.

Viele Unternehmen sind mittlerweile im Bereich der Vielfalt der Mitarbeiter (Diversity) aktiv. Was sind für Sie die Hauptvorteile vielfältiger Teams mit Mitarbeitern, die ganz unterschiedliche Hintergründe haben?

Es macht ganz einfach Sinn, sowohl aus menschlicher als auch auf geschäftlicher Sicht. Als Tech-Unternehmen ist es uns wichtig, immer wieder über Beispiele zu zeigen, wie Diversity & Inklusion dem Geschäftserfolg helfen können. Ein wichtiger Bereich ist, dass wir neue Talente gewinnen und unsere besten Mitarbeiter halten können. Ein anderer ist die Ideengenerierung. In unserem Unternehmen setzen sich die besten Ideen durch, aber wir müssen auch sicherstellen, dass wir ein vielfältiges Team haben, das unterschiedlichste Ideen in das Unternehmen hineinbringt.

Bei eBay Deutschland leiten Sie die LGBT-Gruppe. Was machen Sie dort und wie fügt sich das in die Gesamtaktivitäten von eBay im Diversity-Bereich ein?

Wir haben drei Prioritäten im Bereich Diversity & Inklusion und speziell für LGBT definiert:

  1. Unsere Mitarbeiter – Wie positionieren wir uns zu den Themen Neueinstellungen und Anbindung gegenwärtiger Mitarbeiter? Zum Beispiel sind wir präsent auf der LGBTI-Karrieremesse Sticks & Stones.
  2. Unsere Arbeitsumgebung – Wie fühlen wir uns, wenn wir bei eBay sind? Für uns geht Diversity & Inklusion weit über das Geschlecht oder die Nationalität hinaus. Natürlich sind auch diese beiden Bereiche mit eingeschlossen, aber es geht auch darum, wie die Mitarbeiter denken, z.B. mit Blick auf Introvertiertheit versus Extrovertiertheit, Generationsunterschiede, sexuelle Orientierung oder mit Blick auf die Tatsache, dass wir eine Silicon Valley- und US-basierte Organisation sind, aber Büros in der ganzen Welt haben. Wir haben sogenannte lokale „Communities of Inclusion“ gegründet, die sich um Diversity-Belange kümmern. Für LGBT nennen wir uns “United in Pride”.
  3. Unser Marktplatz – Was bedeutet Diversity & Inklusion auf unserer Plattform, was heißt das für unsere Käufer und Verkäufer auf der ganzen Welt? eBay wächst als Unternehmen, wenn Käufer und Verkäufer mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zu uns kommen und wir integrativ sind. Wir sind beispielsweise immer offen für Ideen, LGBT-Käufer und Verkäufer noch besser einzubeziehen.

Wie ist die deutsche Gruppe weltweit vernetzt? Ich denke an das Attentat von Orlando, konnten Sie die KollegInnen in den USA da unterstützen, gab es Aktivitäten?

“United in Pride“ ist eine globale Community von eBay-Mitarbeitern mit Vertretungen in unseren Silicon Valley-Büros, aber natürlich auch in anderen Büros wie Berlin, Madrid, Sydney oder Istanbul. Genau wie in unserem täglichen Geschäft haben wir Kollegen, die Themen aus den verschiedenen Büros heraus global vorantreiben. Diese Community feiert zusammen, zum Beispiel, als wir im vergangenen November einen „Trans-Bewusstseins-Monat“ ins Leben gerufen haben oder als gleichgeschlechtliche Ehen in den USA oder in Irland möglich wurden. Aber wir trauern auch gemeinsam bei traurigen Ereignissen wie der Orlando-Tragödie.

Dass große Tech-Marken auf dem Christopher Street Day eigene Wagen haben ist mittlerweile nichts Besonderes mehr. Wie kann queeres Engagement mehr als nur einen Beitrag zum Unternehmensimage leisten?

Für uns ist die Pride-Parade eher eine Gelegenheit Vielfalt zusammen mit allen Mitarbeitern zu feiern und weniger die Möglichkeit, extern zu zeigen, dass wir eine starke LGBT-Gruppe haben.

Die Tech-Branche zählt zu den liberalsten Branchen überhaupt, wäre es nicht wichtig, das Wissen und die Erfahrung vielfältiger Teams dorthin zu bringen, wo das noch nicht so stark gelebt wird, beispielsweise im Maschinenbau oder der Industrie?

Auf jeden Fall nimmt die Tech-Branche das Thema Vielfalt sehr ernst – sowohl mit Blick auf Investments als auch mit Blick auf die Sinnhaftigkeit für das Geschäft. Für mich gibt es vier wichtige „Zutaten“:

Erstens: Für uns ist eine Kultur der Innovation immens wichtig. Kontinuierliche Innovation und Entwicklung sind für die Technologie-Industrie zentral. Die Herausforderungen im Bereich der Vielfalt in unserer Industrie sind nicht über Nacht entstanden – sie sind das Ergebnis einer langen Entwicklung hinsichtlich sozialer Strukturen und kultureller Herausforderungen. Infolgedessen werden wir auch nicht über Nacht Änderungen herbeiführen können und Veränderungen werden nicht ohne innovative Denkweisen und mutige und ehrliche Ideen entstehen.

Zweitens: Wir müssen in die Verwirklichung dieser innovativen Ideen investieren und Ressourcen einsetzen, um die Teams aufzubauen, die diese Themen vorantreiben.

Drittens: Der Mangel an Diversity ist ein sichtbares Problem. Jeder, der jemals durch die Büros der Technologie-Unternehmen im Silicon Valley gegangen ist, sieht den Mangel an Vielfalt auf einen Blick.

Viertens: Wir brauchen Führungskräfte, die bereit sind, dieses Problem anzuerkennen, zu verstehen und zu adressieren.

Ich hoffe, dass die Innovationen, die in unserer Branche hinsichtlich Diversity & Inklusion angestoßen werden, als gute Beispiele dienen können, die positiven Auswirkungen auf das Geschäft zu zeigen und dazu führen , dass andere Branchen folgen. Helfen wird sicher, dass die Aktionäre von den Führungskräften in zunehmendem Maße die Umsetzung von Diversity-Initiativen erwarten, da diese nicht nur aus menschlicher Perspektive, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll sind.

eBay hat sich mit vielen anderen Tech-Firmen gegen das Einreiseverbot für Bürger verschiedener Länder von Donald Trump ausgesprochen. Als Verantwortlicher im Bereich Planung haben Sie einen guten Überblick über verschiedene Länder. Wird es einen Rückschlag bei den LGBTI-Rechten in den USA geben und wo sehen Sie noch weitere Länder in denen bereits Erreichtes wieder in Gefahr gerät?

Ich bin wirklich stolz darauf, Teil eines Unternehmens zu sein, in dem nicht nur die derzeitige Unternehmensführung, sondern auch unser Gründer, ein französisch-iranischer Einwanderer, zur Politik von Donald Trump Stellung bezieht. Ein Einreiseverbot für Bürger verschiedener Länder würde es deutlich schwieriger machen, die besten globalen Talente zu finden. Aus diesem Grund hat sich eBay mit vielen weiteren Unternehmen zusammen getan und sich gegen solche pauschalen Einreiseverbote ausgesprochen.

Ich bin ein Optimist und glaube, dass der Großteil des erzielten Fortschritts nicht mehr rückgängig zu machen ist. In Spanien war beispielsweise eines der ersten Gesetze, welches die sozialistische Regierung 2005 genehmigte, das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe – welches mir erlaubte, meinen Mann zu heiraten. Jetzt sind wir stolze Eltern von einem drei Monate alten Baby. Als die Konservativen acht Jahre später an die Macht kamen, hatte ich die Befürchtung, dass einige der Fortschritte zurückgedreht werden könnten – aber die Regierung erkannte, dass sich die Gesellschaft inzwischen weiterentwickelt hatte und so gibt es in Spanien immer noch eines der fortschrittlichsten Gesetze weltweit.

Am 6. Mai 2017 sprechen Sie auf dem LGBTI Tech-Festival #UNIT in Berlin. Auf welche Vorträge freuen Sie sich persönlich und worüber werden Sie sprechen?

Ich freue mich beispielsweise sehr auf die Präsentation von Lynn Conway über Trans-Advocacy. Ich bin der Meinung, dass die Integration von Transgender-Mitarbeitern eine der nächsten Herausforderungen ist. Wir arbeiten aktiv mit einer kleinen Gruppe von eBay-Transgender-Mitarbeitern an diesem Thema.

Meine Präsentation beschäftigt sich mit den Erfahrungen von eBay bei der Schaffung von “Inspiration At Scale” in unseren Marketingtaktiken. Über alle digitalen Kanäle hinweg übersetzen wir regionale Geschäftsstrategien in globale Marketingkampagnen. Das möchte ich den Teilnehmern näher bringen.

Herr Sainz, vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: Ashoka Accelerator

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